Besenheide – die Seele der Heidelandschaft
Die Besenheide (Calluna vulgaris), oft einfach Heidekraut genannt, prägt das Bild der Lüneburger Heide wie keine andere Pflanze. Wenn sie im Spätsommer blüht, verwandelt sie die Landschaft in ein violettes Blütenmeer. Ihr botanischer Name Calluna stammt aus dem Griechischen und bedeutet „fegen“ – ein Hinweis auf ihre frühere Nutzung zur Herstellung von Besen.
Die Besenheide ist ein immergrüner Zwergstrauch und liebt sonnige, offene Standorte. Sie stellt hohe Ansprüche an den Boden: Dieser muss nährstoffarm, basenarm und sauer sein. Genau diese Bedingungen findet sie in den Heide- und Moorlandschaften der Lüneburger Heide. Als sogenannte Säurezeigerpflanze zeigt sie diese besonderen Bodenverhältnisse zuverlässig an.
Die Besenheide ist ein echter Überlebenskünstler. Sie wächst langsam und kann ein erstaunlich hohes Alter erreichen, oft mehrere Jahrzehnte. Dabei durchläuft sie verschiedene Entwicklungsphasen – von der Pionier- über die Aufbau- bis zur Degenerationsphase. Für viele Tierarten sind gerade unterschiedliche Altersstadien wichtig: Junge Heide bietet Nahrung, ältere Bestände liefern Deckung und Überwinterungsplätze. Eine abwechslungsreiche Heidepflege sorgt daher nicht nur für ein schönes Landschaftsbild, sondern auch für hohe biologische Vielfalt.
Ohne Pflege würde die Besenheide jedoch verschwinden. Verbuschung und Bewaldung würden sie verdrängen. Erst durch Beweidung mit Heidschnucken, Plaggen und Mahd bleibt ihr Lebensraum erhalten. Die Besenheide steht damit sinnbildlich für die enge Verbindung von Naturschutz und traditioneller Landnutzung in der Heide. Als prägende Leitart der Heidelandschaft steht die Besenheide damit für den Erhalt eines einzigartigen Natur- und Kulturraums, der ohne menschliche Pflege in dieser Form nicht existieren würde.
Wollgras – das weiße Leuchten der Moore
Das Wollgras (Eriophorum) ist eine typische Pflanze der Hoch- und Übergangsmoore. Besonders auffällig sind seine weißen, watteartigen Fruchtstände, die im Frühsommer über den Moorflächen leuchten und der Landschaft eine fast märchenhafte Wirkung verleihen.
Botanisch gehört das Wollgras zur Familie der Sauergräser und ist damit näher mit Seggen als mit echten Gräsern verwandt. Die auffälligen weißen „Wollbüschel“ dienen nicht der Zierde, sondern der Samenverbreitung: Mithilfe des Windes können die Samen über große Entfernungen getragen werden und neue Moorflächen besiedeln. Dadurch ist das Wollgras eine wichtige Pionierpflanze, die offene, nasse Standorte schnell erobert und stabilisiert.
Wollgräser wachsen auf extrem nährstoffarmen, sauren und dauerhaft nassen Böden. Sie sind hervorragend an diese Bedingungen angepasst und spielen eine wichtige Rolle im Moorökosystem. Ihre abgestorbenen Pflanzenteile tragen zur Torfbildung bei und unterstützen damit langfristig den Kohlenstoffspeicher Moor.
Ökologisch hat das Wollgras eine Schlüsselfunktion. Seine dichten Bestände verlangsamen den Wasserabfluss, halten Feuchtigkeit im Boden und schaffen günstige Bedingungen für weitere moortypische Pflanzen wie Torfmoose. Gleichzeitig bietet es Lebensraum und Brutplätze für spezialisierte Insekten und Vögel. Als Zeigerpflanze für hohe Wasserstände macht das Wollgras sichtbar, wo Moore noch oder wieder funktionieren.
Entwässerung und Nutzung haben viele Moorstandorte zerstört, wodurch auch das Wollgras selten geworden ist. In der Lüneburger Heide zeigen ausgedehnte Wollgrasbestände erfolgreiche Moorrenaturierung an. Ihr Schutz ist eng mit dem Erhalt der Moore und dem Klimaschutz verbunden.
Die Glockenheide – Liebhaberin feuchter Böden
Die Glockenheide (Erika tetralix) ist eine nahe Verwandte der Besenheide, stellt jedoch andere Ansprüche an ihren Lebensraum. Sie bevorzugt feuchte Heiden, Moorwiesen und Übergangsbereiche zwischen Moor und Heide. Dort wächst sie auf nährstoffarmen, sauren Böden, die dauerhaft eine gewisse Feuchtigkeit aufweisen.
Ihr Name leitet sich von den glockenförmigen, rosafarbenen Blüten ab, die in dichten, kopfigen Blütenständen stehen. Die Glockenheide ist ebenfalls ein immergrüner Zwergstrauch und erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 50 Zentimetern. Entwässerung von Mooren und Feuchtgebieten hat ihre Bestände vielerorts stark zurückgedrängt.
Die Glockenheide blüht meist früher als die Besenheide, oft bereits ab Mai, und sorgt damit für einen wichtigen ersten Farbakzent in den Feuchtheiden. Ihre nektarreichen Blüten sind eine bedeutende Nahrungsquelle für Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge zu einer Zeit, in der das Blütenangebot noch begrenzt ist. Besonders spezialisierte Insektenarten sind eng an die Glockenheide gebunden und nutzen sie sowohl zur Nahrungsaufnahme als auch als Lebensraum.
Charakteristisch ist zudem ihr lockerer, oft teppichartiger Wuchs, der in Feuchtheiden kleinräumige Strukturen entstehen lässt. Diese bieten zahlreichen Tierarten Schutz und Rückzugsräume. Da die Glockenheide äußerst empfindlich auf Veränderungen des Wasserhaushalts reagiert, gilt sie als Zeigerpflanze für intakte, feuchte Moor- und Heidelandschaften. Ihr Vorkommen macht deutlich, wie eng Pflanzengesellschaften mit dem Wasserhaushalt verknüpft sind – und wie wichtig ein naturnaher Umgang mit Mooren für den Erhalt der biologischen Vielfalt in der Lüneburger Heide ist.
Die Krähenbeere – eine Überlebenskünstlerin
Die Krähenbeere (Empetrum nigrum) ist ein unscheinbarer, aber äußerst widerstandsfähiger Zwergstrauch. Sie wächst kriechend über den Boden und kommt mit extrem nährstoffarmen, sauren Standorten zurecht. In Heiden und Mooren bildet sie dichte Teppiche und schützt den Boden vor Austrocknung und Erosion.
Die Krähenbeere kann sich mithilfe langer, biegsamer Triebe großflächig ausbreiten. Ihre schmalen, nadelartigen Blätter sind stark eingerollt und reduzieren so die Verdunstung – eine wichtige Anpassung an trockene, windige und nährstoffarme Standorte. Die unscheinbaren Blüten erscheinen im Frühjahr und werden überwiegend vom Wind bestäubt, was sie unabhängig von Insektenflugzeiten macht.
Foto: Rüdiger Heins
Ihre schwarzen Beeren sind essbar, wenn auch herb im Geschmack, und dienen vielen Vögeln als wichtige Nahrungsquelle. Die Krähenbeere ist perfekt an raue Bedingungen angepasst und übersteht Kälte, Wind und Nährstoffarmut problemlos.
Neben ihrer ökologischen Bedeutung wurde die Krähenbeere früher auch vom Menschen genutzt. In nördlichen Regionen dienten die Beeren als Vorratsfrucht, da sie lange haltbar sind und sogar den Winter über an der Pflanze verbleiben können. Sie wurden zu Mus, Saft oder als Zusatz zu anderen Beeren verarbeitet. Als typische Art von Mooren, Heiden und Küstenstandorten gilt die Krähenbeere heute als Zeigerpflanze für saure, nährstoffarme und naturnahe Lebensräume und steht exemplarisch für die Widerstandsfähigkeit der Pflanzenwelt in der Lüneburger Heide.
In der Lüneburger Heide ist sie ein typischer Begleiter von Moor- und Heideflächen. Ihr Vorkommen zeigt naturnahe, wenig gestörte Standorte an. Auch sie profitiert vom Schutz offener, nährstoffarmer Landschaften und von einer angepassten Pflege der Heide.
Wacholder – der stachelige Hüter der Heide
Der Wacholder (Juniperus communis) liebt als immergrünes Zypressengewächs die Sonne, er ist licht- und wärmebedürftig. Die offenen Heidelandschaften bilden damit für ihn einen guten Lebensraum. Der Wacholder ist sowohl als schmale, meterhohe Säule als auch strauchförmig oder flach auf dem Boden kriechend anzutreffen.
Der Wacholder, der in der Landschaft auf den ersten Blick eher für sich alleine steht, denkt gerne auch an andere. So bietet er vielen Vögeln einen Unterschlupf und Nahrung. Auch Insekten nutzen ihn als Lebensraum. Bienen kommt der Pollen der männlichen Pflanze zugute. Anderen Pflanzen und Bäumen gewährt er Schutz vor Verbiss. Seine spitzen Nadeln halten Heidschnucken, Wild und Weidevieh ab. Die Menschen verwenden seine blauschwarzen Beeren, die aus botanischer Sicht Zapfen sind, seit dem Mittelalter als Heilmittel. Sie wirken stark entwässernd und sind in vielen Diät- und Entschlackungstees enthalten. Aus seinen "Beeren" wird zudem auch der schmackhafte Wacholderschnaps (engl. Gin) gewonnen.
Doch Undank ist der Welten Lohn. Wenn der Wacholder Pech hat, überwächst ihn der Baum, den er jahrelang vor Verbiss geschützt hat und nimmt ihm das Licht und die Wärme der Sonne, die er zum Leben so dringend braucht. Auch der Mensch schränkt seinen Lebensraum ein, so dass der Wacholder in Deutschland auf der Roten Liste steht.
Der Gemeine Wacholder gehört zu den ältesten Gehölzen Europas und kann mehrere hundert Jahre alt werden. Er wächst sehr langsam, was ihn besonders empfindlich gegenüber Veränderungen macht. Er ist zweihäusig, das heißt, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Erst nach zwei bis drei Jahren reifen an den weiblichen Sträuchern die blauschwarzen „Beeren“, die in Wirklichkeit fleischige Zapfen sind. Diese lange Reifezeit zeigt, wie stark der Wacholder auf ungestörte Lebensbedingungen angewiesen ist.
Kulturgeschichtlich spielte der Wacholder in der Heide eine bedeutende Rolle. Sein Holz wurde früher wegen seines aromatischen Dufts und seiner Widerstandsfähigkeit geschätzt, etwa für Gerätschaften oder als Räucherholz. In der Volksmedizin galt er als Schutz- und Heilpflanze, der reinigende und stärkende Kräfte zugeschrieben wurden. Als charakteristisches Element der Heidelandschaft ist der Wacholder heute ein wichtiger Zeiger für offene, extensive Nutzungsformen. Sein Erhalt ist eng mit Beweidung, Entkusselung und einer schonenden Landschaftspflege verbunden – und damit mit der Bewahrung des typischen Heidebildes.
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